Zeitgenössische Kunst verstehen

Zeitgenössische Kunst, Contemporary Art und Moderne Kunst – diese Begriffe werden oft durcheinandergebracht. Was bedeuten sie wirklich und wie lassen sie sich zeitlich einordnen?

Ein ungemachtes Bett steht in einer Ecke, ein Stück Plastik liegt mitten im Raum. Du starrst auf einen winzigen grünen Fleck an einer großen weißen Wand und fragst dich: Was hat das zu bedeuten? Du bist in einer Ausstellung für Gegenwartskunst. Aber warum ist gerade zeitgenössische Kunst oft so schwer zu verstehen? Und seit wann gibt es sie? Eine Einordnung der Begriffe kann dir helfen, dich besser zurechtzufinden und die Vielfalt zeitgenössischer Werke zu entdecken. 

Zeitgenössische Kunst

Zeitgenössische Kunst beschreibt einfach gesagt die Kunst der Gegenwart. Im Englischen heißt der Begriff Contemporary Art. Er beschreibt Kunst, die von heute lebenden Künstlern und Künstlerinnen geschaffen und produziert wird. Im Fokus stehen dabei häufig Konzepte, Fragestellungen und Gedanken, also nicht rein die Ästhetik eines Werkes. Das erklärt, dass so manches zeitgenössisches Werk gerade Kunstneulinge vielleicht eine Weile grübelnd dastehen lässt. 

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Politische Motivation und kritische Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte sind häufig kennzeichnend für zeitgenössische Kunstwerke. Angestrebt wird oft ein Bruch mit gesellschaftlichen Normen und Traditionen. Auch Aktivismus kann damit verbunden sein. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die Guerilla Girls, eine anonyme feministische Künstlergruppe. Mit ihren Werken und Aktionen decken sie seit ihrer Gründung 1985 sexuelle und rassistische Diskriminierung in der New Yorker Kunstwelt auf. 

Kunstgalerien machen die Vielfalt und Lebendigkeit der zeitgenössischen Kunstszene in Deutschland erfahrbar. Foto: Lucas Pretzel


Bekannte Künstler, Techniken und Strömungen 

Strömungen: Abstrakter Expressionismus, Pop-Art, Minimalismus, Konzeptkunst, Street Art

Die Arbeit zeitgenössischer Künstlerinnen ist besonders geprägt durch ein globales Umfeld, das kulturell vielfältig und technologisch fortschrittlich ist. Stile, Techniken und Ausdrucksformen werden von Künstlern auf der ganzen Welt entwickelt und umfassen Malerei, Bildhauerei, Installationen, Performance-Kunst, Fotografie, Video, digitale Kunst und vieles mehr.

Es werden nicht nur neue Techniken dazu gewonnen und weiterentwickelt, sondern auch Altes mit Neuem kombiniert. Gerhard Richter kombinierte zum Beispiel fotografische Werke mit seinen Gemälden, indem er die Farbreste seiner Rakeln über vergrößerte Fotografie-Drucke zog. Das Experimentieren mit verschiedenen Techniken ist ein häufiger Bestandteil der zeitgenössischen Kunst und kann ein Versuch sein, die Gegenwart zu verstehen, herauszufordern, zu provozieren. 

 





















Ein gelber Farbstrich auf schwarz-weißer Fotografie. Foto: GIovanni Calia

Auch Street-Artists wie Banksy zählen eindeutig zu den Vertretern der zeitgenössischen Kunst und seine Werke inzwischen zu den beliebtesten. Bei dieser Strömung spielt ebenfalls ein Bruch mit der Tradition eine wichtige Rolle: Kunstwerke, die einst auf den Straßen entstanden und als Graffiti betrachtet wurden, finden nun ihren Platz in zeitgenössischen Galerien und Museen.

Eine ebenfalls sehr populäre Strömung der Gegenwartskunst ist die Pop-Art. Berühmte Künstler wie David Hockney, Andy Warhol oder R. B. Kitaj werden teilweise aber auch einer früheren Zeitperiode zugeordnet und als Künstler der Moderne gesehen. Inhaltlich reflektiert Pop-Art die Massenkultur und fordert die Konsumgesellschaft heraus und das prägt auch die zeitgenössische Kunst von heute.

 Zu den bekanntesten Pop Art Kunstwerken gehören die bunten Marilyn Monroe Motive von Andy Warhol. Foto: KI 

Zeitliche Einordnung

Seit wann spricht man nun aber genau von zeitgenössischer Kunst? Im Allgemeinen bezieht sich zeitgenössische Kunst auf Kunst, die nach der Moderne entstanden ist, typischerweise ab der Mitte oder dem späten 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Für manche Expert*innen steht der Beginn der zeitgenössischen Kunst im Zusammenhang mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, also Mitte der 1950er Jahre. Andere sehen die Bewegung eher in Zusammenhang mit Gruppen wie eben den Guerilla Girls in den 90ern. Dazwischen gibt es viele weitere Ausgangspunkte. Manchmal sind es bestimmte Ausstellungen wie die Magiciens de la terre in Paris, die für Kuratoren und Wissenschaftler das Startdatum der zeitgenössischen Kunst markieren, manchmal politische Ereignisse wie der Mauerfall im Jahr 1989.

Die Unsicherheit über den Beginn der zeitgenössischen Kunst überlappt mit dem Ende der modernen Kunst, sodass Strömungen wie die Pop-Art sowohl als moderne als auch zeitgenössische Kunst betrachtet werden können.

Moderne Kunst

Im Alltagssprachlichen wird Moderne Kunst oft als Synonym für Zeitgenössische Kunst verwendet. Tatsächlich geht die Moderne Kunst der Zeitgenössischen Kunst aber zeitlich voraus. Fachlich gesehen ist es wichtig, die Begriffe zu unterscheiden, weil sie für zwei ganz unterschiedliche Brüche mit der Zeit stehen.

Die Künstler und Künstlerinnen der Moderne grenzten sich mit ihren Werken erstmals von den akademisch gelehrten Traditionen ab. Sie schafften einen Bruch zur klassischen figurativen Kunst, indem abstrakte Techniken angewendet wurden und man sich von den Schönheitsidealen der christlich abendländischen Kultur löste Einzigartigkeit und Unkonventionalität sind zwei wesentliche Merkmale moderner Kunst. Außerdem erscheinen die persönliche Wahrnehmung und Ausdruckskraft des Künstlers besonders stark in der Moderne.

Bekannte Künstlerinnen, Techniken und Strömungen 

Strömungen: Impressionismus, Kubismus, abstrakter Expressionismus, Konstruktivismus, Postimpressionismus, Symbolismus, Fauvismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus

Die moderne Kunst begann mit der realistischen Bewegung, mit Künstlern wie Gustave Courbet und Edgar Monet. Ihre Darstellungen des Alltags machte aus, dass sie sich nicht vor Unvollkommenheiten scheuten. Dies wurde von der impressionistischen Bewegung mit Malern wie Claude Monet fortgesetzt.

Der impressionistischen Pinselstrich, wie bei Monet, war durch kurze, sichtbare Pinselstriche und lebhafte Farben gekennzeichnet. Foto: KI 

Die impressionistische Bewegung zählte noch zu den anfänglichen Bewegungen der modernen Kunst und drängte auf ein naturalistisches Weltbild. Das Hauptanliegen der Künstler des darauffolgenden Kubismus hingegen, war es, Formen aufzubrechen. Der Künstler Picasso ging sogar so weit, dass er in seinen Werken damit spielte, auch die Perspektive völlig aufzulösen.

Der Kubismus bricht mit der traditionellen Perspektive. Er zerlegt Objekte in geometrische Formen und Fragmente und definiert die Wahrnehmung der Welt neu. Foto: KI

In den einzelnen Strömungen der Moderne ging es zunehmend darum, sich von Abbildungskonzepten zu befreien und stattdessen den Geist und die Gefühle in Bildern einzufangen. In diesem Punkt zeigt sich die grundlegende Abgrenzung von moderner Kunst zur historischen Kunst, die häufig als Auftragskunst erstellt wurde, um wichtige Ereignisse oder Personen festzuhalten.

Zeitliche Einordnung

Der exakte Beginn der Moderne ist genauso umstritten, wie ihr Ende und der Beginn der zeitgenössischen Kunst. Allgemeiner Konsens herrscht jedoch darüber, dass die Anfänge der Moderne in der Mitte des 19. Jahrhunderts liegen. Ihr Zeitraum reicht in etwa bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, wobei die Übergänge zur zeitgenössischen Kunst ineinander übergehen.

Die Moderne Kunst lässt sich grob in die Vor-, Hoch- und Spätmoderne unterteilen. Die Vor- oder Frühmoderne umfasst die Zeit von etwa 1850 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts und ist geprägt von Bewegungen wie dem Realismus und Impressionismus. Die Hochmoderne (etwa 1900 bis zum Ersten Weltkrieg) umfasst Bewegungen wie den Kubismus, Expressionismus und Fauvismus. Bekannt als „Zweite Avantgarde“, reichte die Spätmoderne von den 1920er bis 1940er Jahren und umfasst Bewegungen wie den Surrealismus und Konstruktivismus.

Kunst im Wandel der Zeit

Historische Einteilungen sind endlos umstritten, aber es lohnt sich immer, zu fragen, worüber wir sprechen. Denn Kunst kann immer nur aus der gegenwärtigen Perspektive wahrgenommen und erfasst werden. Sie befindet sich ständig im Wandel und Diskurs der Zeit. In ihren Strömungen und Techniken scheint die Kunst mit der Zeit immer vielfältiger und losgelöster zu werden. Ob historische Kunst nicht auch schon vielfältiger war, als wir sie in Museen und Galerien rekonstruieren können, bleibt eine offene Frage.

Mit den Begriffen Zeitgenössische Kunst, Gegenwartskunst, Contemporary Art und Moerne Kunst ist keine Aussage zu Konzept, künstlerischem Stil, Technik, Form sowie Zugehörigkeit zu einer künstlerischen Strömung, Bewegung bzw. Gruppe verbunden. Es ist lediglich der Versuch, Kunst und seine Bewegungen zeitlich zu ordnen, aber auch verschiedene Entwicklungen wahrzunehmen und aus diesen zu lernen.

Mit Blick auf die Digitalisierung ist besonders interessant, wohin die Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst führen werden. Die Möglichkeiten und Techniken der Kunst wachsen schneller als je zuvor. Und auch die Globalisierung, und damit die Öffnung von geografischen Grenzen verändert Kunst und macht zeitgenössische Kunst zu dem, was sie ist. Künstliche Intelligenz verändert zunehmend, wie wir Kunst produzieren, und auch, wer zum Künstler wird. Vielleicht wird sie uns neben vielen Gefahren und Sorgen, die es um sie gibt, auch dabei helfen, Kunst besser zu verstehen.


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